E-Prüfungen ohne Videoüberwachung und ohne Lockdown-Browser: An der Universität Bamberg ist das seit Jahren etablierte Praxis. Während im hochschulweiten Diskurs um Prüfungssicherheit – nicht zuletzt unter dem Eindruck generativer KI – häufig auf Proctoring-Lösungen und restriktive Software verwiesen wird, gehen wir in Bamberg einen anderen Weg: über klug abgestimmte technisch-organisatorische Abläufe und mit eigenen Tools (psi-exam).
Bei der Open Session des Projekts BaKuLe am 28. April 2026 haben Dominik Herrmann und Andreas Kirsch vor rund 20 Teilnehmenden einen praxisnahen Überblick gegeben – vom ersten Terminwunsch bis zur Archivierung. Im Anschluss an den Vortrag wurden in einer Etherpad-Fragerunde zahlreiche Detailfragen diskutiert, deren Ergebnisse hier mit eingeflossen sind.
Hinweis (2026-05-02): Während der Session haben wir über ein Online-Formular eine Kurzbefragung durchgeführt, um Bedarfe und Hürden aus Sicht der Anwesenden zu erheben. Die Auswertung dieser Umfrage ist noch in Arbeit und wird hier ergänzt, sobald sie vorliegt.
Vor der Prüfung
Übersicht der Phasen: von der Prüfungsanlage über Anmeldung, Aufgabenerstellung und Aufbau bis zur Korrektur und Archivierung.
Am Anfang steht die Terminfindung. Zentrale Prüfungen werden über das Prüfungsamt gesteuert, dezentrale Formate erfordern eine eigenständige Raumplanung: Um den für E-Prüfungen meist genutzten Prüfungsraum in der Kapellenstraße 13 zu nutzen ist das Flächenmanagement für die Reservierung zu kontaktieren. Im nächsten Schritt wird die Prüfung im PSI-Exam-Orga-Tool angelegt. Das Tool führt Prüfende und Organisierende durch den Prozess, indem es Klarheit über Deadlines und benötigte Angaben herstellt.
Nach der Anmeldephase über FlexNow oder das PSI-Exam-Signup-Tool entstehen Teilnehmerlisten, die für Prüfungsunterlagen und Umschläge weiterverarbeitet werden. Die Aufgaben werden mit dem PSI-Exam-Creator direkt im Browser erstellt und als ZIP-Datei heruntergeladen. Ein technischer Probelauf stellt sicher, dass die Aufgaben am Prüfungstag wie vorgesehen funktionieren.
Die Vorbereitung des Aufbaus beginnt etwa zwei Stunden vor Prüfungsbeginn mit einem Team von drei bis vier Personen. Beim Auf- und Abbau können Hilfskräfte unterstützen.
Der eigentliche Aufbau nimmt 1 bis 1,5 Stunden in Anspruch: Laptops werden aus den Ladewägen genommen und auf den Tischen platziert und personalisierte Prüfungsumschläge mit QR-Code werden auf die Plätze gelegt. Abschließend muss an jedem Platz der QR-Code auf dem Prüfungsumschlag mit der Webcam des Laptops eingescannt werden, um die Daten der Person, die an diesem Platz sitzen wird, auf den Laptops zu hinterlegen.
Schließlich werden die Prüfungsaufgaben auf Knopfdruck über ein autarkes WLAN auf alle Laptops aufgespielt.
Während der Prüfung
Für die eigentliche Prüfungsphase stellt der prüfende Lehrstuhl die benötigte Menge an Aufsichten. Etwa 30 Minuten vor Prüfungsbeginn ist der Aufbau abgeschlossen und die Prüflinge werden eingelassen.
Die Laptops laufen während der Prüfung autark im Akkubetrieb; bei längeren Einsätzen kommen Powerbanks zum Einsatz.
Der Prüfungsstart erfolgt manuell. Ein programmierter Start der Prüfung wäre in der Praxis unflexibel und fehleranfällig. Damit niemand vorzeitig beginnen kann, geben die Aufsichten wenige Minuten vor Beginn der Prüfungszeit jedem Prüfling ein zugeklebtes Kuvert mit einem Startcode. Das System protokolliert auch die Bearbeitungszeiten – ein Frühstart könnte nachträglich nachgewiesen werden. Zu Beginn der Bearbeitungszeit öffnen die Prüflinge gleichzeitig die Kuverts und geben den Startcode ein. Auf die Kuverts könnte verzichtet werden, wenn im Prüfungsraum ein Beamer zur Verfügung stünde, um den Startcode anzuzeigen.
Auch das Prüfungsende ist bewusst nicht automatisiert. Eine zentrale Zeitsteuerung wäre konfigurationsaufwendig und würde die Handhabung von individuellen oder anlassbezogenen Zeitverlängerungen erschweren. Am Ende der Bearbeitungszeit klicken Studierende auf „Abgabe“, erhalten einen individuellen Abgabecode und notieren diesen auf ihrem Prüfungsbogen.
Eine Besonderheit der Prüfungsumgebung ist optionales Feedback während der Bearbeitung: Bei einzelnen Aufgaben können Studierende sich anzeigen lassen, ob ihre Antwort akzeptiert wird. Das kann den Stresspegel senken, eignet sich aber nicht für jede Aufgabenart. Ob das Feature zum Einsatz kommt, entscheidet die Lehrperson pro Aufgabe.
Bemerkenswert ist, was alles nicht gebraucht wird: keine Kameraüberwachung, kein gesonderter Prüfungsraum mit Spezialhardware. Lärm oder Wärmeentwicklung durch die Laptops sind vernachlässigbar – die Lüftung des Raumes ist lauter als die Laptops.
Ein Internetzugang ist während der Prüfung bewusst nicht vorgesehen – schon um Täuschungsversuche und Ablenkung auszuschließen. Stattdessen können für anwendungsnahe Aufgaben lokale Kopien relevanter Webseiten bereitgestellt werden, etwa eine SQL-Dokumentation. Der Vorteil: Studierende arbeiten unter realitätsnahen Bedingungen, Recherche und Datenanalyse inklusive, ohne dass ein offener Netzzugang nötig wäre.
Während der Bearbeitung werden Antworten lokal auf dem Laptop und parallel auf einer SD-Karte gesichert. Fällt ein Gerät aus, lässt sich die Karte in ein Ersatzgerät einsetzen und die Bearbeitung ohne Datenverlust fortsetzen. Am Prüfungsende werden die Daten verschlüsselt eingesammelt.
Die Bearbeitungsoberfläche im Browser des Prüfungslaptops: links die Aufgabennavigation, rechts die einzelnen Teilaufgaben mit Eingabefeldern.
Bei den Prüfungsinhalten dominieren Freitextantworten. Drag-and-Drop-Aufgaben werden derzeit nicht unterstützt – die Fehleranfälligkeit ist hoch. Für reine Ankreuzklausuren bleibt EvaExam eine sinnvolle Alternative; psi-exam spielt seine Vorteile bei Freitext-Aufgabenformaten aus und bei Prüfungen, die auf einen realitätsnahen Kompetenznachweis abzielen.
Beschwerden über ungleiche Voraussetzungen – etwa wegen unterschiedlicher Tippgeschwindigkeit – und entsprechende Anträge auf Nachteilsausgleich sind bislang nicht aufgetreten. Das Tastaturlayout lässt sich bei Bedarf umstellen.
Nach der Prüfung
Im Anschluss erfolgt die Korrektur digital und kollaborativ über die PSI-Exam-Grading-App im Browser. Statt jede Klausur einzeln durchzugehen, kann aufgabenweise korrigiert werden; identische Antworten lassen sich gruppieren und einheitlich bewerten. Aufgabenstellungen und Musterlösungen sind dabei direkt im Tool verfügbar. Eine öffentliche Demoversion der Grading-App gibt es bislang noch nicht; Interessierte können sich direkt an den Lehrstuhl wenden.
Während der Korrektur sehen Korrigierende statt der Klarnamen pseudonyme Kennungen wie „Blauer Elefant” oder „Grüne Giraffe”. Das reduziert das Risiko unbewusster Verzerrungen, etwa wenn Korrigierende einzelne Personen aus früheren Veranstaltungen wiedererkennen.
Übersicht in der Grading-App: Statt Klarnamen erscheinen pseudonyme Kennungen wie „Brave Elk” oder „Bright Armadillo”. Die Anzeige der Klarnamen lässt sich bei Bedarf umschalten.
Studierende erhalten ihre Einsicht online – auf Wunsch bereits vor der endgültigen Notenfestlegung. So lassen sich Korrekturfehler früh erkennen und noch vor der Eintragung der Note bereinigen. Auch ist es dadurch leicht möglich, nachträgliche Anpassungen am Bewertungsschema konsistent auf alle Prüflinge anzuwenden, nicht nur die, die sich während der Einsicht gemeldet haben. Die Archivierung der Prüfungen erfolgt elektronisch auf USB-Sticks und optischen Datenträgern, die für die Langzeitarchivierung vorgesehen sind.
Aus der Diskussion: Räume, Hardware, Ausblick
Über die drei Phasen hinaus kamen in der Fragerunde mehrere Querschnittsthemen zur Sprache.
Raum KS13. Der große Raum hat einen praktischen Vorteil: Es wird weniger Aufsichtspersonal benötigt als bei mehreren kleinen Räumen. Ein separater Prüfungsraum für Nachteilsausgleiche steht dort allerdings nicht zur Verfügung. Aktuell sind dort auch keine Projektoren installiert, weswegen der Startcode in zugeklebten Umschlägen ausgegeben werden muss.
Mobile Lösungen. Die Laptops sind nicht fest installiert und müssen auf- und abgebaut werden. Eine Festinstallation scheitert u.a. an fehlender Stromversorgung am Platz. Für die Zukunft wären feste Tische mit versenkbaren Bildschirmen oder o.ä. wünschenswert, um den Personalaufwand weiter zu reduzieren. Kurzfristig, in den nächsten Jahren, ist mit einer festen Installation aber nicht zu rechnen. An der WE5 sind weitere 36 Prüfungslaptops verfügbar.
Nutzung außerhalb von Prüfungen. Aktuell werden die Prüfungslaptops ausschließlich für Prüfungen eingesetzt. Eine Nutzung im regulären Lehrbetrieb in der KS13 wäre denkbar, erfordert aber Abstimmung mit dem Flächenmanagement; während der Vorlesungszeit ist die KS13 nicht immer verfügbar (Baumaßnahmen).
Synergien. Mehrere Prüfungen parallel oder nacheinander an einem Tag sind möglich; auch die Nutzung über mehrere aufeinanderfolgende Tage ist sinnvoll, weil sich der Aufbauaufwand dann auf mehrere Termine verteilt.
Nachhaltigkeit. Um Papier zu sparen, könnte auf das Drucken personalisierter Prüfungsumschläge mit QR-Code verzichtet werden; dann wäre allerdings eine genauere Identitätskontrolle am Platz während der Prüfung erforderlich, da ohne den QR-Code-Abgleich die Authentizität der Zuordnung von Person zu Abgabe nicht mehr systemseitig abgesichert ist.
Einordnung
In der Diskussion mit den Teilnehmenden wurde der Unterschied zu klassischen Systemen wie EvaExam herausgearbeitet. psi-exam ist noch keine Prüfungssoftware aus einem Guss, sondern besteht aus mehreren aufeinander abgestimmten Werkzeugen und Routinen, die auf die Gegebenheiten in Bamberg abgestimmt sind.
Für die hochschulweite Debatte um Prüfungsformate liefert psi-exam ein Argument dafür, dass neue Prüfungsherausforderungen nicht zwangsläufig restriktivere Software erfordern, sondern auch durch besser gestaltete organisatorische Abläufe und technisch passgenau umgesetzte Lösungen beantwortet werden können.
Weiterführend
- Ankündigung und Hintergrund zur Session: Open Session „E-Prüfungen mit psi-exam"
- One-Pager zum System: psi-exam Open Session 2026