Im Sommersemester 2026 wurden in der Fachdidaktik Englisch erstmals zwei Co-Creation-Seminare durchgeführt. Co-Creation bezeichnet einen Ansatz, bei dem Lehrende und Studierende gemeinsam Verantwortung für die Gestaltung von Lehr-Lern-Prozessen übernehmen (Bovill, 2020). Die Initiative für das Format ging von Martina Ebenberger, Projektmitarbeiterin im BaKuLe-Teilprojekt 02 „Lehrgemeinschaften", aus, die das Vorhaben koordinierte und wissenschaftlich begleitete. Ziel war es, Studierenden eine aktive und verantwortungsvolle Rolle im Lehr-Lern-Prozess zu ermöglichen. Dazu wurden die Seminarinhalte und -schwerpunkte unter Einbezug der Interessen und Perspektiven der Studierenden festgelegt und auf dieser Basis gemeinsam mit den Dozierenden ein Seminarplan entwickelt. Dabei übernahmen Studierende und Dozierende gemeinsam Verantwortung für die Gestaltung des Seminars, wobei die Studierenden auch eigenständig einzelne Lerneinheiten planten und durchführten.
Gemeinsame Entwicklung in Co-Creation
Die Vorbereitung der Co-Creation-Seminare erfolgte kollaborativ. Martina Ebenberger und die beiden beteiligten studentischen Hilfskräfte Anna Helmerich und Lisa Theisen arbeiteten sich zunächst gemeinsam in die theoretischen und konzeptionellen Grundlagen von Co-Creation und student-led seminars ein. Auf dieser Basis wurde das Seminarkonzept entwickelt und gemeinsam mit den beteiligten Dozierenden Prof. Dr. Theresa Summer und Claudia Schnellbögl weiter ausgearbeitet. Auch in die wissenschaftliche Begleitforschung waren die studentischen Hilfskräfte als Beobachtende und Interviewer:innen eingebunden. Sie wirkten damit nicht nur an der Entwicklung, sondern auch an der wissenschaftlichen Untersuchung der Seminare mit. Der gesamte Prozess, von der Vorbereitung über die Durchführung bis zur Begleitforschung, wurde so selbst zu einem Beispiel für Co-Creation.
Seminare
Das Seminar Literature & immersive technologies in ELT von Claudia Schnellbögl wurde als wöchentlich stattfindende Lehrveranstaltung konzipiert, wohingegen Theresa Summers VR- and AI-assisted language learning als Blockseminar durchgeführt wurde. Beide Formate eröffneten unterschiedliche Möglichkeiten partizipativer Lehr- und Lernsettings. Anwendungsorientierte Programmpunkte waren in beide Seminare integriert: So wurde in dem Seminar Literature & immersive technologies in ELT im Juli ein Workshop mit Schüler:innen durchgeführt, in dessen Rahmen VR-Produkte erprobt und reflektiert werden konnten. Im Blockseminar VR- and AI-assisted language learning präsentierten Studierende dagegen ihre digitalen Produkte im Juli bei einem internationalen Symposium zu VR und KI, das ihnen zusätzliche Einblicke in wissenschaftliche Diskurse und fachliche Vernetzung ermöglichte.
Abbildung 1: Studierende präsentieren ihre digitalen Produkte bei einem internationalen Symposium zu VR und KI.
Erste Erfahrungen mit Co-Creation in den Seminaren
Fokusgruppeninterviews, Beobachtungen und Portfolioeinträge geben Einblicke in die Wahrnehmung der Seminare durch die Studierenden. Erste Ergebnisse zeigen, dass die große Entscheidungsfreiheit zu Beginn teilweise als sehr ungewohnt oder herausfordernd wahrgenommen wurde, da viele Studierende bisher stärker strukturierte Lehrformate gewohnt sind. Gleichzeitig erkannten die Teilnehmenden einen deutlichen Mehrwert der aktiven Mitgestaltung für ihren eigenen Lernprozess. Die Möglichkeit, sich mit Themen auseinanderzusetzen, die sie persönlich interessieren und zu denen sie eigene Fragen mitbringen, wurde als motivierend wahrgenommen und führte zu einer intensiveren Auseinandersetzung mit den Seminarinhalten. Die genauen Ergebnisse der Begleitforschung werden zu einem späteren Zeitpunkt veröffentlicht.
Abbildung 2: Studierende planen gemeinsam im Seminar einen Instagrampost zu ihren Seminarerfahrungen.
Ausblick
Die Ergebnisse der Begleitforschung werden demnächst veröffentlicht und leisten damit einen Beitrag aus dem deutschsprachigen Raum zur Diskussion um Co-Creation in der Hochschullehre. Für die Lehrkräftebildung ist der Ansatz deshalb wertvoll, da er eine Möglichkeit bietet, wie Studierende aus ihrer häufig eher passiven Rolle heraustreten und eine aktive Rolle im Lehr-Lernprozess übernehmen können. Indem sie Verantwortung für die Planung eines Seminars übernehmen und eigene Micro-Teachings durchführen, sammeln sie bereits im Studium unter geschützten Bedingungen erste unterrichtspraktische Erfahrungen und können zentrale Aspekte ihrer späteren Tätigkeit als Lehrkräfte erproben.
Die positiven Erfahrungen aus den Seminaren zeigen das Potenzial von Co-Creation für die Weiterentwicklung universitärer Lehre. Zukünftig sollen daher mehr Studierende die Möglichkeit erhalten, ihre Perspektiven einzubringen und Lehre aktiv mitzugestalten. Sie gelten als Experten für den Studienalltag und können deshalb wichtige Impulse geben, welche Inhalte, Formate und Kompetenzen für ihr weiteres Studium und ihren zukünftigen Berufsalltag relevant sind.
AP 02 plant deshalb die Etablierung einer studentischen Denkfabrik, die einen Raum schaffen soll, in dem Studierende gemeinsam Ideen für Lehrveranstaltungen oder den Studienalltag entwickeln, bestehende Formate weiterdenken und gemeinsam mit Lehrenden neue Seminarangebote im Sinne der Co-Creation gestalten können. Damit soll studentische Beteiligung nicht auf einzelne Lehrveranstaltungen beschränkt bleiben, sondern als kontinuierlicher Bestandteil der Weiterentwicklung von Lehre etabliert werden.
Literatur
Bovill, C. (2020). Co-creation in learning and teaching: The case for a whole-class approach in higher education. Higher Education, 79(6), 1023–1037. https://doi.org/10.1007/s10734-019-00453-w