Wie lassen sich duale Masterstudiengänge so gestalten, dass Studierende sowohl wissenschaftlich fundierte Kompetenzen als auch praxisrelevante Handlungskompetenz entwickeln? Im Rahmen des BaKuLe-Projekts an der Universität Bamberg wurde das Bamberg Dual Model entwickelt, um diese Frage systematisch zu erkunden. Ziel ist es, Hochschulen und Unternehmen an den Anforderungen nachhaltiger Personal- und Kompetenzentwicklungen auszurichten.
Ausgangsproblem
Unternehmen suchen zunehmend Nachwuchskräfte, die komplexe Problemstellungen analysieren, Wissen flexibel übertragen und in unterschiedlichen organisationalen Kontexten handlungsfähig bleiben (CHE 2024). Gleichzeitig sind universitäre duale Studienangebote bislang unterrepräsentiert, insbesondere auf Master-Ebene (BIBB 2024; CHE 2024).
Für eine nachhaltige Fachkräftesicherung gilt es daher, Programme zu entwickeln, die:
- analytische, methodische und forschungsnahe Kompetenzen fördern,
- generalistische Handlungskompetenz ermöglichen,
- flexible Anpassung an unterschiedliche Unternehmensbedarfe zulassen.
Das erprobte Konzept: Drei Szenarien für duale Masterstudiengänge
Für die Entwicklung des Bamberg Dual Models kommt die Szenariotechnik zum Einsatz. Sie ermöglicht, alternative Zukunftsbilder zu entwerfen, ohne normative Vorgaben zu machen (Börjeson et al. 2006). So können implizite Annahmen sichtbar, unterschiedliche Erwartungen vergleichbar und Handlungsoptionen systematisch abgewogen werden. Die entwickelten Szenarien unterscheiden sich dabei im Grad der institutionellen Struktur, Flexibilität und Kooperationsintensität:
Szenario A – Forschungsintegriertes Generalistik-Modell (strukturstabil)
- Stark institutionell gesteuertes Modell mit verbindlichem Kompetenzkanon.
- Klare Trennung von Theorie- und Praxisphasen in Blockmodellen.
- Fokus auf forschendem Lernen: Studierende analysieren reale Problemstellungen, entwickeln eigenständig Forschungsprozesse und integrieren wissenschaftliche Methoden.
- Zusammenarbeit mit Unternehmen ist funktional geregelt, moderate Kooperationsintensität.
- Nachhaltigkeit: Stabilität, Vergleichbarkeit und akademische Qualität; begrenzte Flexibilität.
Szenario B – Modulares Baukastenmodell (adaptive Balance)
- Modular aufgebaut, Kernmodule verpflichtend, Wahlmodule flexibel kombinierbar.
- Zeitlich-räumliche Organisation überwiegend hybrid, modulweise auf betriebliche Projekte abgestimmt.
- Didaktik: problem- und transferorientiert, z. B. Fallstudien, Transferaufgaben, reflexive Leistungsnachweise.
- Kooperation zwischen Hochschule und Unternehmen kontinuierlich, Co-Creation von Modulpfaden möglich.
- Nachhaltigkeit: Balance zwischen Anpassungsfähigkeit und akademischer Rahmung; hoher Koordinationsaufwand.
Szenario C – Projekt- und prozessorientiertes Kooperationsmodell (hoch adaptiv)
- Studium, Forschung und Praxis stark verschränkt; klassische Modulstruktur tritt zugunsten projektbasierter Lernprozesse zurück.
- Zeitlich-räumliche Organisation hoch flexibel, orientiert an Projektzyklen und Innovationsfenstern.
- Kooperation intensiv, Unternehmen sind Mitgestaltende im Lern- und Forschungsprozess.
- Nachhaltigkeit: Innovationsfähigkeit und kontinuierlicher Lernprozess; hohe Anforderungen an Vertrauen, Koordination und institutionelle Absicherung.
Szenarien dualer Mastergestaltung im Vergleich
Tabelle 1: Szenarien dualer Mastergestaltung im Vergleich (Gerholz & Taronna, 2026)
| Gestaltungsdimension | Szenario A: Strukturstabil | Szenario B: Modular flexibel | Szenario C: Projektorientiert adaptiv |
|---|---|---|---|
| Grundlogik | Klar gerahmtes universitäres Modell mit stabiler Studienarchitektur und hoher methodischer Tiefe | Modular aufgebautes Studienmodell mit individuell kombinierbaren Kompetenzpfaden | Projekt- und prozessorientiertes Modell mit starker Verzahnung von Studium, Forschung und Praxis |
| Studienorganisation | Alternierende Blockphasen mit klarer Trennung von Universität und Unternehmen | Berufsbegleitende, hybride Organisation mit modulweiser Verzahnung von Studium und Praxis | Flexible, projektgetriebene Zeitstruktur orientiert an Innovations- und Forschungszyklen |
| Didaktischer Schwerpunkt | Forschendes Lernen mit wissenschaftlich fundierten Praxis- und Analyseprojekten | Problem- und transferorientiertes Lernen mit Fallstudien und reflexiven Leistungsformaten | Projektbasiertes, forschungsnahes Lernen an offenen, komplexen Problemstellungen |
| Ausprägung der Generalistik | Verbindlicher Kompetenzkanon; Generalistik durch methodische Tiefe und curriculare Geschlossenheit | Generalistik durch reflektierte Kombination von Kern- und Wahlmodulen | Generalistik als Fähigkeit zur Integration, Orchestrierung und Reflexion interdisziplinärer Projekte |
| Rolle der Unternehmen | Praxispartner mit klar definierter Rolle innerhalb stabiler Kooperationsformate | Aktive Mitgestaltung individueller Studienverläufe bei klarer akademischer Rahmung | Mitgestaltende eines gemeinsamen Lern- und Forschungsraums |
| Vergütungslogik | Durchgängige, einheitliche Vergütung über die gesamte Studiendauer | Grundvergütung mit optionalen, studienverlaufsbezogenen Zusatzkomponenten | Grundvergütung plus projekt- und leistungsbezogene Zusatzvergütungen |
| Nachhaltigkeitsperspektive | Nachhaltigkeit durch Planbarkeit, Vergleichbarkeit und Sicherung akademischer Qualität | Nachhaltigkeit als Balance zwischen Anpassungsfähigkeit und struktureller Rahmung | Nachhaltigkeit als Innovationsfähigkeit und kontinuierlicher Lernprozess |
| Zentrale Orientierungsfrage | Wie viel Struktur ist notwendig, um Qualität und Verlässlichkeit zu sichern? | Wie viel Flexibilität ist gestaltbar, ohne akademische Kohärenz zu verlieren? | Wie offen können Lern- und Forschungsprozesse sein, ohne Qualität und Schutz zu gefährden? |
Vergleich der Szenarien
Allen Szenarien gemeinsam ist:
- Verzahnung von wissenschaftlicher Qualifizierung und betrieblicher Praxis,
- Generalistik als systematisch entwickelte Kompetenz, nicht als Beliebigkeit.
Unterschiede zeigen sich in:
- Grad institutioneller Rahmung,
- Flexibilität der Studienorganisation,
- Intensität der Kooperation zwischen Hochschule und Praxis.
Während Szenario A auf stabile Strukturen setzt, bietet Szenario B eine modulare Anpassungsfähigkeit, und Szenario C maximiert Innovations- und Lernpotenziale durch prozessorientierte Verschmelzung von Studium und Praxis.
Erkenntnisse für die Praxis
Die Szenarien verdeutlichen, dass universitäre duale Mastermodelle bewusste Abwägungen zwischen Struktur, Flexibilität und Kooperationsintensität erfordern. Die Szenariotechnik unterstützt dabei:
- implizite Annahmen zwischen Wissenschaft und Praxis explizit zu machen,
- unterschiedliche Erwartungshorizonte zu vergleichen,
- Zielkonflikte und Kompromisse zwischen Hochschule und Unternehmen sichtbar zu machen.
Für Hochschulen bietet sich so ein reflexiver Zugang zur Studiengangsentwicklung: Curricula können diskursiv zwischen Praxisbedarfen und wissenschaftlicher Exzellenz ausgerichtet werden. Für Unternehmen liefern die Szenarien eine Entscheidungsgrundlage, um Investitionen in duale Masterprogramme strategisch zu planen.
Ausblick
Als nächster Schritt sollen die Szenarien im Rahmen einer vertiefenden Interviewstudie mit relevanten Akteursgruppen diskutiert werden, um Präferenzen, Abwägungen und Gestaltungslogiken empirisch zu validieren. Zukünftige Forschung sollte die Konzepte in konkrete Implementierungsprozesse überführen und ihre Wirksamkeit begleiten.
Für die Praxis bedeutet dies: Duale Masterstudiengänge lassen sich als dynamische, gestaltbare Bildungsarrangements verstehen, die sowohl wissenschaftliche als auch unternehmerische Nachhaltigkeitsziele unterstützen.
Literaturverzeichnis
BIBB – Bundesinstitut für Berufsbildung. (2024). AusbildungPlus: Duales Studium in Zahlen 2024. Bonn: BIBB. https://www.bibb.de/dienst/publikationen/de/20540.
Börjeson, L., Höjer, M., Dreborg, K. H., Ekvall, T., & Finnveden, G. (2006). Scenario types and techniques: Towards a user’s guide. Futures, 38(7), 723–739. https://www.researchgate.net/publication/229342806.
CHE-Centrum für Hochschulentwicklung. (2024). Future Skills: Problemlösekompetenz, kritisches Denken und Kollaboration halten Professor*innen für besonders wichtig. https://www.che.de/2024/future-skills-problemloesekompetenz-kritisches-denken-und-kollaboration-halten-professorinnen-fuer-besonders-wichtig/.
Gerholz, K.-H., & Taronna, F. (2026). Stabil oder flexibel? Duale Studiengänge zwischen Anpassungsdruck und nachhaltigen Studienmodellen. Berufsbildung – Zeitschrift für berufliche Bildung, 1/2026 (209), S.35-38. Wiesbaden: wbv Media.