Wie lernt man eigentlich, zu unterrichten? Für die Studienanfänger:innen des Grundschullehramts beginnt die Antwort in Bamberg bei den Kernpraktiken. In der Vorlesung „Einführung in die Grundschulpädagogik und -didaktik“ von Professorin Miriam Hess hat die erste Kohorte, die ihr Studium vollständig in der neuen Struktur durchläuft, das Konzept kennengelernt und zugleich erfahren, wie es sie durch die kommenden Semester begleiten wird.
Die erste Kohorte bei der ersten eigenen Auseinandersetzung mit dem Thema Kernpraktiken
Ein roter Faden durch das Studium
Dass die Lehrkräftebildung konsequent an Kernpraktiken (Core Practices) ausgerichtet werden sollte, fordert das Expert:innengutachten zur Weiterentwicklung der Lehrkräftebildung in Bayern und auch der kürzlich veröffentlichte bayerische „Masterplan Lehrkräftebildung “ greift den Ansatz auf. BaCore setzt erste Elemente davon schon jetzt um.
Der Ansatz baut auf der Annahme auf, dass professionelles Handeln kumulativ trainiert werden sollte: Bestimmte Kernpraktiken werden über das Studium hinweg wiederholt beobachtet, zerlegt, erprobt und reflektiert, in unterschiedlichen Veranstaltungen und in wechselnden schulischen Kontexten. Damit dieser Aufbau gelingt, muss er früh beginnen. Genau deshalb steht das Thema bereits im ersten Semester auf dem Programm.
Der Unterschied liegt „im Blick“
Wie viel die Konzentration auf eine einzelne Praktik ausmacht, erfuhren die Studierenden zunächst am Beispiel. Alle sahen denselben Videoausschnitt aus dem Unterricht einer ersten Klasse, die Beobachtungsaufträge unterschieden sich jedoch: Ein Teil des Hörsaals sollte notieren, was positiv und was negativ auffällt. Der andere Teil richtete den Blick gezielt auf das Fragenstellen der Lehrkraft: auf echte und rhetorische Fragen, auf offene und geschlossene Formate, auf Wartezeiten und darauf, welche Kinder zu Wort kommen.
Der Vergleich im Plenum machte den Unterschied deutlich: Der offene Auftrag führte zu allgemeinen Eindrücken, der fokussierte Blick zu konkreten Beispielen bis hin zum Wortlaut einzelner Fragen. Damit waren die Studierenden bereits mitten in einer Kernpraktik, nämlich aktivierende Fragen stellen, noch bevor der Begriff überhaupt gefallen war.
Was Kernpraktiken sind – und was nicht
Anschließend wurden die Studierenden mit dem Konzept der Kernpraktiken vertraut gemacht: Kernpraktiken sind zentrale Tätigkeiten, die im Unterricht immer wieder vorkommen, in unterschiedlichen Fächern anwendbar und gezielt erlernbar sind. Darunter fallen beispielsweise differenzierte Erklärungen geben oder kooperatives Arbeiten anleiten.
Für ein vertieftes Verständnis wurden Kernpraktiken von anderen Handlungen und Abläufen des Unterrichtsalltags abgegrenzt. Sie sind weder Routinen wie ein eingeübtes Signal zum Stillwerden noch Rezepte nach dem Muster „nach jeder Frage muss ich drei Sekunden warten“. Sie sind auch nicht gleichzusetzen mit zugrunde liegenden Kompetenzen, mit Wissen oder mit übergreifenden Qualitätsbereichen wie „kognitiver Aktivierung“. Um die Unterscheidung zu festigen, ordneten die Studierenden 24 Beispiele entsprechend ein und glichen ihre Einschätzungen anschließend ab. Dass Wissen und Kernpraktiken dennoch zusammengehören, wurde dabei ausdrücklich betont: Ohne Fachwissen, fachdidaktisches Wissen und Wissen über die Praktik selbst gelingt deren Umsetzung nicht.
Die Übungsbögen: Kernpraktiken erkennen, priorisieren und daraus ein persönliches Lernziel ableiten
Vom Konzept zum eigenen Lernweg
Damit sichtbar wird, wie sich eine solche Praktik überhaupt aneignen lässt, wurde der zugrunde liegende Lernzyklus vorgestellt: beobachten, zerlegen, üben, Feedback erhalten, wiederholen und schließlich in das eigene Handeln integrieren. Der Prozess ist iterativ angelegt, die Phasen werden mehrfach durchlaufen, sowohl über einzelne Veranstaltungen als auch über die Semester hinweg.
Wie werden Kernpraktiken erlernt? Ein iterativer Zyklus
Welche Praktiken für sie persönlich bedeutsam sind, reflektierten die Studierenden im nächsten Schritt selbst. Sie wählten aus, welche Kernpraktiken sie für besonders schwierig und besonders wichtig halten und welche sie am liebsten erlernen möchten. Auf dieser Grundlage formulierten sie ein eigenes Lernziel. Genannt wurden etwa lernförderliches Feedback geben, individuelle Lernunterstützung geben oder Lernvoraussetzungen diagnostizieren. Diese Überlegungen begleiten die Studierenden in die weiteren Angebote des BaCore-Projekts.
Wie es weitergeht
Die nächste Station sind Reflexionsgespräche zum Orientierungspraktikum, welches meistens zum Studienbeginn absolviert wird. Dieses Praktikum stand bislang weitgehend für sich: Die Studierenden sammelten Praxiserfahrungen, ohne dass diese systematisch ans Studium angebunden wurden. Mit den Reflexionsgesprächen, die Veronika Götz aus BaCore heraus anbietet, entsteht hier erstmals eine Verbindung. In Kleingruppen tauschen die Studierenden ihre Beobachtungen aus, ordnen sie gemeinsam ein und leiten daraus ab, welche Kernpraktiken sie im weiteren Studium gezielt üben möchten. Die persönlichen Lernziele aus der Vorlesung sowie ein Reflexionsbogen zum Orientierungspraktikum mit dem Fokus auf die dort beobachteten Kernpraktiken bilden dafür den Ausgangspunkt.
Im weiteren Studienverlauf folgt das neue BaCore-Seminar, in dem eine ausgewählte Kernpraktik im Wechsel zwischen Universität und Partnerschule wiederholt geplant, erprobt und überarbeitet wird. Schritt für Schritt wird so aus dem Konzept eigenes unterrichtliches Handeln.
Alle Maßnahmen werden wissenschaftlich begleitet und evaluiert. Zu den genannten Punkten werden wir bald berichten und erste Ergebnisse vorstellen.
Wer das Thema vertiefen möchte, ist herzlich zur BaKuLe-Open-Session „Theorie und Praxis mittels Kernpraktiken verzahnt(er) denken “ am 12. November 2026 um 14:00 Uhr in die GrundschulWerkstatt eingeladen.